#69 SherlockSunday: Wie viele Gesichter hat Sherlock Holmes?

Ein Artikel von iHear of Sherlock everywhere hat mir erneut gezeigt, was ich noch über Sherlock Holmes erfahren kann. Bei dem Titel denkt man nun direkt an Filme, jedoch gibt es auch innerhalb des Kanons verschiedene Holmeses. Einige davon schauen wir uns nun an.

The Dilemma of Interpretation, Pastiches and Sherlock

Bezogen auf diesen Titel (Link in der Beschreibung) fragt John Sherwood, warum es so viele verschiedene Holmeses in dem Kanon von Sir Arthur Conan Doyle selbst gibt. Je weiter die (Kurz-)Geschichten voranschreiten mit den Jahren, desto verschiedene Facetten lernen wir kennen. Das ist ein Gedankengang, der mir relativ neu ist. Natürlich gibt es verschiedene Stimmungen oder auch Fähigkeiten von Holmes in verschiedenen Geschichten, aber dann direkt von einem „anderen“ Holmes zu sprechen wäre mir neu.

Jedoch macht Sherwood bereits in den ersten beiden Romanen A Study in Scarlet und The Sign of Four unterschiedliche Sherlocks aus. Im ersten Roman erscheint Holmes noch als jung, schlagfertig, freundlich, eingebildet, aufgeschlossen, arrogant, energisch,…während der Detektiv im zweiten Roman wandelt: nimmt Kokain dreimal am Tag und wenn es keinen Fall gibt launisch, grüberlisch und pessimistisch. Eine interessante Wandlung, die mir so konsequent nicht aufgefallen ist.

Der dritte Holmes? Anwendung auf Pastiches?

John Sherwood gibt aber noch einen dritten Holmes an, der mehr auf seinen Fähigkeiten wert legt. Der Codebreaker (wie in The Dancing Men), der Rechtsassistent, der Schauspieler oder der amateurhafte Anthropologe. Alles Fähigkeiten, die im Verlaufe der Abenteuer immer einmal wieder auftaucht.

Jedoch gibt es eines, welches immer omnipräsent und immer in den Geschichten gegenwärtig ist: Sherlock Holmes als Genie. In allen Lebenslagen ist Sherlock Holmes ein Genie, welches durch seine Fähigkeiten der Deduktion immer wieder seine Kunden oder Mitmenschen überrascht. Das ist natürlich ein Markenzeichen in nahezu allen Geschichten. Und dies sollte auch so in Pastiches sein…

Wenn man einige dieser Fähigkeiten und Eigenschaften von Sherlock Holmes vermisst, so John Sherwood, dann ist ein Pastiche nicht gelungen und der Wiedererkennungswert ist nicht erkennbar. Das Ziel sollte es sein das Rollenmodel Sherlock Holmes mit all seinen Charakterzügen in einer neuen Umgebung, in einem neuen Fall oder vor einem neuen Problem darzustellen. Der Kern der Figur sollte dabei wenig angetastet werden.

Zwei Denkweisen von Pastiches

Sherwood teilt dabei die Sichtweisen auf Abenteuer in zwei Denkweisen ein: Der Doyle-als-Autor oder der Watson-als-Biograf. Ersteres meint, dass der Autor eines Pastiches sich möglichst haargenau an den Schreibstil von Arthur Conan Doyle orientiert und dabei Satzstruktur und Verlauf der Geschichten nach dem Original gestaltet. Zweitens meint, dass der Autor die Sicht von Watson in der „Ich-Perspektive“ benutzt, dabei seine Gedankengänge beschreibt und wie immer im Dunkeln gelassen wird von Sherlock Holmes. Die Aufdeckung des Falls erfolgt dann am Ende durch die Erklärungen von Holmes. Natürlich können diesen beiden Denkweisen zeitgleich auftreten.

Sherwood gibt als perfekten Pastiches beispielhaft den Roman von Nicolas Meyer an: The Seven-Percent-Solution. Im filmischen Bereich ist Jeremy Brett das Rollenmodel.

Abschließend kann ich nur feststellen, dass mir diese Denkweisen und die Einteilung in diese strikten Muster neu waren und ich es doch sehr interessant finde, dass es sogar innerhalb des Kanons verschiedene Lesarten gibt. Dies könnte man aber noch detaillierter untersuchen.


Quellen:


Zu weiteren SherlockSundays geht es hier.

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